Sardinien – Fremde Couch, echtes Leben 🛋️
Wie ich mit 250€, einem kaputten Handy und einer sehr zweifelhaften Couch die beste Woche meines Jahres hatte.
🌍 Fast Georgien. Fast Kroatien. Fast gar nichts.
Kinderfreie Zeit. Spontanurlaub-Freigabe von der Chefin. Kaum Geld.
Jackpot.
Eigentlich wollte ich mit einem Reisebuddy los – Georgien, Kroatien, Albanien. Kulturen, Abenteuer, das volle Programm. Nur ein kleines Problem: Ich hatte keinen Reisebuddy.
Also tat ich das, was man eben so tut, wenn man keine Antworten hat: Ich öffnete Google und tippte ins Leere.
"Reisebuddy gesucht."
Und zack – eine ganze Welt tat sich auf. Plattformen voller Menschen die mit Wohnmobil, zu Fuß, für ein Wochenende oder ein ganzes Jahr unterwegs sein wollen. 17 Tage in den Alpen. Roadtrip durch Osteuropa. Wanderung irgendwo am Ende der Welt. Ich sage euch – da kommen MIR die Flöhe gehüpft! So viele Ideen, so viele Möglichkeiten – und meine Lust, das alles irgendwann selbst zu erleben, formte sich bei jedem Scrollen ein bisschen weiter aus.
Ich schrieb mit einem jungen Mann, der Georgien und Albanien interessant fand. Wir tauschten uns aus, machten sogar Videotelefonie. Es klang vielversprechend. War es aber nicht. Nach dem Videotelefonat kam wenig Initiative von ihm – und nach zweimal fragen, einmal zu viel ehrlich gesagt, kam nichts mehr.
Parallel hatte ich auf einer dieser Plattformen mit jemand anderem geschrieben – und das passte von Anfang an sehr gut. Tobias ist sein Name. Ein Alpinist aus Dresden, der zu diesem Zeitpunkt gerade 17 Tage durch die Schweiz marschierte – die sogenannte Spaghetti-Route über den Monte Rosa. Für den Zeitraum in dem ich wegfliegen wollte, passte es leider nicht. Doch wir schmiedeten nebenbei bereits Pläne für unser erstes gemeinsames Abenteuer. Aber das ist eine andere Geschichte. 😄
Nun zurück zur Realität: Mit dem anderen Typen war es mir zu dem Zeitpunkt ehrlich gesagt echt Schnuppe. Käse. Oder Wurst. Oder Tofu – ich möchte ja niemanden diskriminieren.
Denn: Er verpasst etwas. Ich nicht.
Da kein weiterer passender Reisebuddy für den gewünschten Zeitraum in Sicht war, entschied ich mich: Ich reise einfach alleine! Und weil Georgien, Kroatien und Albanien alleine das Budget gesprengt hätten, machte ich es vom Flugpreis abhängig. Das Abenteuer sollte einfach zu mir kommen. 😄
Und es kam. Wollt ihr wissen wohin?
Italien. Sardinien. Olbia.
Ist das nicht verrückt? Das hatte ich überhaupt nicht auf dem Schirm – und war eine wunderbare Überraschung.
🛋️ Die Couch-Suche oder: Wie ich Matteo fand
Mietwagen auf Sardinien? 80€ pro Tag. Sieben Tage. Macht 540€ – nur für das Auto, ohne Sprit, ohne Parkgebühren. Nein danke. Und ehrlich gesagt – die Couch war für mich sowieso gesetzt. Nicht wegen des Geldes. Sondern weil Couchsurfing das ist, was ich wollte: echte Menschen, echter Alltag, echte Kultur. Kein Hotel, kein Abstand, kein Touristenbubble.
Für alle die noch nie von Couchsurfing gehört haben: Die Idee ist simpel und gleichzeitig wunderbar. Menschen auf der ganzen Welt stellen Reisenden kostenlos eine Schlafmöglichkeit zur Verfügung – meist ein Sofa, manchmal ein Zimmer, manchmal eine selbst gemauerte Konstruktion... aber dazu gleich mehr. 😄 Im Gegenzug bekommt man echten Einblick in den Alltag, die Kultur und das Leben der Menschen vor Ort. Kein Reiseführer der Welt kann das ersetzen.
Also suchte ich eine freie Couch in Olbia. Ich fand die Plattform Bewelcome – kostenlos, unkompliziert, abenteuerlich. Zwar nicht so viele Nutzer wie das bekanntere Couchsurfing, aber dort zahlt man inzwischen. Und ich war und bin auf Dauersparmodus. Ich habe ja keinen Geldscheißer zuhause. 😄 Also schrieb ich einige Menschen in Olbia an. Einer antwortete: Matteo.
Matteo hatte eine Couch frei. Wollte meine Nummer. Dann – am nächsten Tag – ein Foto von mir. "Augen erzählen mehr als Worte", schrieb er. Ich warnte ihn gleich ehrlich: mein Englisch ist wirklich schlecht. Aber ich lerne am besten durch direkte Erfahrung und echten Austausch – also nur Mut, Matteo.
Als ich das Foto schickte, sprachen wir noch ein bisschen miteinander – und dann kam seine Antwort:
"Book the fly!"
Zwei Stunden später hatte ich Hin- und Rückflug gebucht. 199€. Dazu ein Zugticket Hannover–Nürnberg für 50€ – mit einem kleinen Haken, aber dazu gleich mehr.
250€ für 7 Tage Urlaub. 😄
Für alle die sich fragen wie das zeitlich überhaupt möglich war: Mittwoch Flüge gefunden, bei Bewelcome angemeldet und angeschrieben – Freitag Flug gebucht – Dienstagnacht mit dem Zug nach Nürnberg – Mittwochnachmittag in Olbia. So viel zum Thema Spontanität. Ich liebe es! 😄
Die Reaktionen meines Umfelds? Klassiker:
"Was? Bei einem fremden Mann übernachtest du?""Was, wenn du dich dort nicht wohlfühlst?"
Ich war entspannt. Wenn Probleme kommen, findet sich ein Weg. Und wenn nicht – gibt es eben eine neue Couch. Außerdem: Genau das wollte ich. Die Kultur kennenlernen. Echt erleben. Nicht aus dem Fenster eines Hotelzimmers schauen, sondern mittendrin sein. Und genau das bietet dieses sogenannte Couchsurfing.
🚂 Mitternachtszug nach Nürnberg
Der günstige Zug nach Nürnberg? Knapp 13€. Mit dem ICE. Klingt gut, oder?
Der Haken: Abfahrt kurz nach Mitternacht.
Jah, dann pennst du eben im Zug, dachte ich optimistisch. Was ich nicht bedacht hatte: Mein Sitznachbar hatte seine eigenen Pläne. Er schnarchte so enthusiastisch, als wäre er fest entschlossen, den gesamten Waggon zu beschallen. Hinzu kam – der Zug war rappelvoll. Schlafen? Keine Chance.
7 Uhr morgens – Nürnberg Flughafen und wirklich tote Hose. Menschenleer, gespenstisch ruhig. Ich hatte etliche Sitzreihen für mich alleine, freie Auswahl – und machte mich dort einfach breit und schlief weiter. Pragmatismus ist alles. 😄
Dann das Boarding. Alle pünktlich eingestiegen. Hätten auch pünktlich losfliegen können. Passierten aber nicht. Stattdessen: 30 Minuten Verspätung wegen "technischer Probleme". Was für eine tolle Information, die man als Durchsage erhält – angeschnallt im Flieger, alle Türen verschlossen, das Ding quasi startklar. Nicht so schön. Mein Schicksal lag nun in den Händen der Piloten. Ich nahm das mit einer gewissen Gelassenheit zur Kenntnis – aber wirklich nur einer gewissen. So geil fand ich das nicht.
Irgendwann starteten wir. Mein Herz klopfte. Wir hoben ab und flogen.
Es ging gut.
Natürlich.
Panikmacherei wieder umsonst.
Und dann – die Landung. Ich trat aus dem Flugzeug. Nürnberg hatte 14 Grad gehabt. Olbia hatte 32. Als die Sonne mir ins Gesicht knallte, der blaue Himmel sich über mir ausdehnte und die Hitze mich einfach einwickelte wie eine warme Decke – da war die Freude einfach riesig. Dieses "Ich bin angekommen"-Gefühl. Das war sooooo gut.
🚗 Matteo – Mann mit Plan
14:30 Uhr. Ich stand vor dem Flughafen und wartete auf Matteo. Er hatte mir Automodell und Farbe genannt. Kleine schwarze Autos gab es erstaunlich viele auf dem Parkplatz – aber er war der einzige mit genau diesem Modell.
Zack – sofort erkannt. Und ich winkte wie eine Blöde. 😄
Das Auto: klein, chaotisch, komplett vollgepackt mit Kartons, Kartons und nochmal Kartons. Ich hatte zum Glück "nur" meinen 32-Liter-Rucksack dabei. Apropos Rucksack: Alles musste da rein – Sommerklamotten, Bettwäsche, Handtücher. Sportlich. Aber es hat geklappt. 😄
Die Begrüßung war herzlich – eine direkte kurze Umarmung – und dann düsten wir los. Er wohnte übrigens süße 3 km Luftlinie vom Flughafen entfernt.
Sein Englisch war sehr gut – viiiel besser als meins jedenfalls. Er sagte später sogar, er hatte es schlimmer erwartet und man könne gut mit mir reden. Ich stelle wohl viele Gegenfragen und versuche mit anderen Worten das gesuchte Wort zu finden. Stimmt. Ich bin neugierig. Das lässt sich nicht abschalten.
Seine Wohnung: schmale doppelflüglige dunkle Holztüren mit schönen Ornamenten – sehr charmant. Öffnete man diese, stand man direkt im Wohnzimmer. Die Rolläden waren wegen der Hitze unten, alles etwas düster – aber das war so typisch italienisch. Dieses Flair, diese hitzige Luft, diese Atmosphäre – irgendwie schön. Es erinnerte mich sofort an das Haus meiner Oma in Italien.
Vom Wohnzimmer aus blickte man direkt in seine offene Küche: ein riesiger quadratischer Holztisch für acht Personen, ein cooler Retro-Kühlschrank in der Ecke, gelbe Küche, gelbe Wände, rotbrauner Fliesenboden. Stark chaotisch – aber gemütlich. Irgendwie passte das alles zusammen.
Ich wusste nicht was mich erwartet und hatte keine Erwartungen. Das ist übrigens die beste Reisevorbereitung die ich kenne.
Dann bemerkte ich es: Matteo rauchte in der Wohnung. Das hatte ich überhaupt nicht auf dem Schirm. Ich selbst rauche seit 2017 nicht mehr. 💪 Aber gut – das ist kein Weltuntergang, und mein Plan war ja schließlich nicht, die ganze Zeit in der Bude zu hocken. So zumindest mein Plan. Pläne funktionieren bekanntlich nicht immer so reibungslos – dazu später mehr. 😄
🛋️ Darf ich vorstellen: die Couch
Jetzt das Highlight.
Wenn man an eine Couch denkt, denkt man doch eher "klassisch" – so viel zu Vorurteilen – an eine freistehende Couch, die auf mindestens vier Beinen steht, gemütliche Rückenlehne, ein paar Kissen und etwas mehr gepolstert. Punkt. Oder?
Das hier war die Realität:
Eine selbst gemauerte feste Unterkonstruktion mit zugeschnittenen dünnen Schaumstoffplatten – wahrscheinlich schon übelst durchgeschwitzt, voll mit tanzenden Mini-Kreaturen und womöglich mit einer Mischung aus diversen Hautschuppenbelägen überzogen – das Ganze aber obendrauf mit dünnen Stoffen bezogen.
Voilà. Die Couch von Matteo.
Ich habe gut darauf geschlafen. 😄
Das ist die Hauptsache.
Übrigens erzählte mir Matteo, dass er zu diesem Zeitpunkt bereits über 1000 Gäste bei sich aufgenommen hatte.
Tausend.
Könnt ihr euch das vorstellen?
Verrückt.
Als er die 500 knackte, schrieb sogar die lokale Zeitung über ihn – das war bereits 2015! Den Artikel findet ihr hier. Sehr spannend – und das Video am Schluss ist echt schön!
Nun zurück zu meinen Erlebnissen:
Ich war gerade Mal 15 Minuten in der Wohnung, als Matteo fragte: "Möchtest du zum Strand?"
Ich dachte, er fragte allgemein.
Meinte er aber nicht.
"Pack deine Sachen – ich bringe dich und zwei andere Girls zum Beach."
"Now?!"
"Yeah. Now."
🏖️ Irgendwo auf Sardinien abgesetzt
Keine Stunde in Olbia. Fünfzehn Minuten in der Wohnung. Und schon saß ich im Auto mit zwei fremden Mädels die Matteo bereits kannten – beide selbst im Urlaub.
Nach einer Weile hielt er an:
"Da vorne ist der Strand. Dort ist die Bushaltestelle. Ich muss noch arbeiten. Wir sehen uns später."
Und zu mir noch kurz: "Bitte geh mir nicht verloren."
Und weg war er.
Ich stand irgendwo auf Sardinien. Mit zwei Frauen die ich seit 20 Minuten kannte. 9 km von Matteos Wohnung entfernt – das war das Erste was ich prüfte als ich am Strand saß. Ich wusste nicht mal in welche Richtung ich hätte laufen müssen um zu ihm zu kommen. Ich wusste nicht wo und wie die Busse fahren – ich war ja einfach mit dem Wind mitgegangen.
Noch was: Ich hatte 17% Akku.
Und – der absolute Höhepunkt – ich hatte den falschen Kabelanschluss für die Powerbank dabei.
Super.
Ich musste einfach schmunzeln. Das kann nur mir passieren.
Abenteuer. Oder Herausforderung? Beides.
Das Meer war trotzdem wunderschön. Blaues Wasser, Wellen, sardischer Sand unter den Füßen. Als das erste Salzwasser in meinen Mund kam, traf mich ein Gedanke wie ein Blitz:
Ich bin wirklich auf Sardinien. Im Meer.
Dieses Gefühl – unbezahlbar.
Ich legte mich im Meer auf den Rücken, ließ mich von den sanften Wellen tragen, schaute in den blauen Himmel und genoss einfach den Moment.
Irgendwann wollten die Mädels zurück. Noch 8% Akku. Ich dachte: Besser mitfahren. Alleine länger bleiben wäre wunderschön gewesen – aber irgendwo auf einer Insel mit leerem Akku, alleine, ohne dass jemand weiß wo Matteo wohnt? Lieber nicht. Die Vernunft siegte.
🚌 Busfahren auf Sardisch
Die Bushaltestelle füllte sich. Und füllte sich. Und füllte sich.
Als der Bus kam, dachte ich nur: Wie sollen wir alle da reinkommen? Ein ganz klassischer Standardbus – kein Gelenkbus, kein langes Modell. Einfach ein Bus.
Wir kamen rein. Irgendwie. Ich quetschte mich vorne rein, die anderen beiden hinten – und das war das letzte Mal dass ich die beiden Mädels sah.
Speed-Kennenlernen. 😄
Ich klebte gefühlt an der Frontscheibe und versuchte mit dem Busfahrer – kein Englisch, kein Deutsch – mit Händen und Füßen zu kommunizieren wo ich aussteigen muss. 2% Akku.
Natürlich war ausgerechnet an diesem Tag die Haltestelle gesperrt, an der ich aussteigen wollte. Der Busfahrer konnte mir das aber gut erklären – und er verstand, dass er mir Bescheid geben soll wenn es soweit ist. Erleichterung pur. Schon mal ein Problem weniger.
Als ich ausstieg – wusste ich sofort wo ich war. Dieses schöne Gefühl: richtige Ecke, richtiger Ort. Ich bin angekommen.
🍕 Matteo, Pizza und das erste Abendessen
Zurück bei Matteo, Handy ans Laden – und dann: einkaufen. Alleine. Ohne Handy. In Olbia.
Beim Obst half mir eine Verkäuferin mit Händen und Füßen – selbst abwiegen war angesagt, das kannte ich so nicht. Haferflocken fand ich dank einem Schweizer Pärchen das ernsthaft auf Deutsch diskutierte wo die Haferflocken sein könnten. Mitten in Sardinien. Ich musste sehr schmunzeln und klärte die beiden dann auf, dass ich auch Deutsch kann. 😄 Wir quatschten noch ein bisschen – sehr nette Menschen.
An einigen italienischen Produkten die ich aus meiner Kindheit kannte, kam ich leider nicht vorbei. So ein Birnensaft aus diesen kleinen Flaschen... mhhhh. Am Ende war ich für die kommenden Tage gut mit Essen ausgestattet.
Wasser und Espresso konnte ich von Matteo nehmen. Ich habe jeden Morgen frischen Espresso gekocht – für mich als Milchkaffee, für Matteo einen klassischen Espresso. Dieser Duft, dieser Geschmack. Komisch wie anders er dort schmeckte als zuhause. Ich kann es nicht wirklich erklären – aber es war einfach besser. 😄
Abends hatte Matteo Feierabend. Er ist übrigens Softwareentwickler, arbeitet parallel in einem Lagerhaus – und in den kalten Wintermonaten noch zusätzlich als Masseur. Der Mann schläft nie.
"Komm, wir essen echte italienische Pizza."
Ich sagte nicht Nein.
Büffelmozzarella-Pizza für uns beide – und wir versuchten uns zu unterhalten, mithilfe des Handy-Übersetzers. Ging gut. Die Pizza war lecker. Und ich war sooooo müde. Eine lange Anreise, ein turbulenter Start – der erste Tag hatte alles gegeben.
Zurück bei Matteo legte ich mich auf die Couch.
Glücklich.
Und schlief irgendwann ein.
Erster Tag. Geschafft.
📱 Das Handy stirbt – und ein Fremder rettet mich
Nächster Tag – Donnerstag. Mein Plan: Olbia erkunden.
Und Olbia hat so einiges zu bieten. Total viele süße Häuser, kleine Läden, tolle Gassen – man kann da wunderbar querbeet durchlaufen und entdecken. Vieles war mit liebevollen Details geschmückt, Gassen mit bunten Schirm-Dächern, alles so echt, so natürlich gewachsen. Natürlich gab es auch die klassische Shopping-Meile – die hat mich ehrlich gesagt nicht so mitgenommen. Außer ein Sandalen-Laden. Der war tatsächlich überwältigend. Man konnte sich seine eigenen Sandalen vor Ort zusammenstellen lassen – und die wurden dann direkt vor deinen Augen zusammengeschustert. 😄
Auf dem Rückweg kam ich an einer schönen Eisdiele vorbei. Eine große Kugel Salz-Karamell. So cremig, so lecker. Mhhh.
Mit dem Handy versuchte ich dabei Fotos zu machen. Ja, ich "versuchte" es. Es wurde nur irgendwie sehr heiß. Immer heißer. Ging dann immer wieder aus. Bis es sich endgültig entschied:
Nein. Nicht mehr. Ciao Kakao.
Motherboard kaputt. Keine Chance. Das war die lapidare Aussage eines Mannes aus einem Handy-Reparaturgeschäft.
Ich saß in Italien – ohne Handy – und wusste erstmal nicht was ich als nächstes tun sollte. Erstaunlicherweise war ich sehr entspannt. Es würde eine Lösung geben.
Und Matteo hatte – natürlich – einen Plan B.
Wir fuhren zu einer Lagerhalle. Sein bester Freund Antonio arbeitete dort. Antonio kannte mich nicht. Hatte mich noch nie gesehen. Und gab mir trotzdem ein Handy das ich benutzen konnte.
Einfach so.
Ist das nicht nett?
Matteo und ich kannten uns gerade mal 24 Stunden – und trotzdem so ein Vertrauen. Das sagt viel über diese Menschen aus.
Wir drei fuhren danach zu einer Tankstelle, tranken Kaffee und aßen etwas Süßes. Sardinische Kultur in einem Satz: zusammensitzen, Kaffee trinken, quatschen, dann weiter. Kein Stress, kein Hetzen – einfach den Moment genießen. Ich liebe das.😄
Abends gingen wir in eine Bar. Eine Frau aus Düsseldorf kam später dazu – sie lebt seit einem Jahr in Olbia. Übrigens: In Sardinien bekommt man zum Aperitif automatisch eine Snack-Plate dazu. So richtig mit Baguette, Käse, Wurst – fantastisch! Wir drei am Tisch kommunizierten auf Deutsch, Englisch und Italienisch – alles durcheinander. Irgendwie funktionierte das wunderbar. 😄
Danach gingen wir gemeinsam essen – und dann, mitten in der Nacht, um 00:00 Uhr:
Livemusik.
Matteo spielte Gitarre, die Frau aus Düsseldorf sang – zum ersten Mal überhaupt als Duo. Eine Stunde lang. Privates Live-Konzert. Nur für mich.
Ist das nicht verrückt?
Das war richtig schön.
🌊 Der geheime Strand und die Freiheit
Freitag. Ich hatte ein Handy. Ich war frei.
Also: Bus nach Porto Istana. Sardinien ist bekannt für seine wunderschönen Strände – und das wollte ich selbst erleben.
Dort angekommen:
Viele Menschen am Strand.
Zu viele.
Ich lief weiter. Und weiter. Und weiter.
Bis plötzlich – ein ganzer Strand. Nur für mich.
Ich wiederhole: NUR für mich. 😄
Hier die Beweisfotos: 📸
Was machte ich da? Handstand. Räder. Muscheln sammeln. Füße in den Sand einbuddeln. Chillen. Ins Wasser gehen. Alles wonach mir war. 😄
Irgendwann nahm ich den zweitletzten Bus zurück nach Olbia. Am Abend bekam ich eine private Stadtrundtour von Matteo – Stadt, Gassen, Läden, Parks, Kirchen – bis wir zwei seiner Freunde vor einem Kiosk trafen. Bier, Hände und Füße als Sprache. Und das Lachen. Immer das Lachen.
In diesem Moment dachte ich: Das ist meine Kultur. Laut, chaotisch, offen, herzlich.
🚌 Busstreik in San Pantaleo
Samstag. Bus nach San Pantaleo.
San Pantaleo ist winzig. Wirklich winzig. Ein kleines Künstlerdorf irgendwo zwischen riesigen Felszacken – und genau das macht es so besonders. Die alten Granitsteinhäuser, früher von Hirten bewohnt, sind heute Kunsthandwerkstätten, Galerien und kleine Läden. Überall kann man stöbern, schauen, entdecken. Handgemacht, authentisch, mit Liebe – und mit einem Preisschild das einen kurz schlucken lässt. 😄 Aber das Flair? Unbezahlbar.
Nachdem ich mir die Ortschaft und die handwerklichen Kunstwerke angeschaut hatte, ging ich zurück zur Haltestelle.
Bus kommt nicht. Kommt nicht. Und kommt nicht.
Handy-Übersetzer ran an die Info-Tafel. Matteo angeschrieben. Bestätigung von Matteo:
Busstreik. 13–17 Uhr. 😄
Echt jetzt? Ich war um 11 Uhr dort, wollte zwei Stunden bleiben und wieder zurück – und erwische genau den Moment, wo der Streik beginnt. Tja. Wie sagt man so schön:
Shit happens!
Ich regte mich kein bisschen auf. Nahm die Situation wie sie war, setzte mich auf eine Mauer, las mein Buch und sprach mit anderen Wartenden. Irgendwann kam der Bus – und ich kam heile wieder in Olbia an.
Am späten Nachmittag fuhren Matteo und ich noch kurz zum Strand.
Und schon schmiedete Matteo den Abendplan: Meeresfrüchte essen mit der ganzen Gruppe – also mit seinen Freunden. Ein ganz kleiner Imbiss, ich weiß heute noch nicht wie die das alles dort hinbekommen haben. Außen gab es 40-50 Sitzplätze. Nach kurzem Warten bekamen wir einen Platz.
Wir starteten zu siebt – und endeten zu dreizehnt.
Fantastisch.
Das war ein Kommen und Gehen, so lebendig, laut, chaotisch. Miesmuscheln mit Käse überbacken. Sardinen. Tintenfischringe. Eine komische Schneckenmuschel – eklig, aber ich habe es probiert. Natürlich. 😄
Danach liefen wir gemeinsam zum Rummelplatz und fuhren Karussell. Nachts. Bei Wärme. Nur Erwachsene.
Spaß. Kind sein. Erleben und genießen.
Urlaub pur.
🩸 Der Tampons-Notfall
Sonntag. 8:45 Uhr. Antonio kommt um 9 Uhr. Die Clique will gemeinsam zu einem schönen Strand fahren.
Und dann – das Universum mit seinem perfekten Timing:
Periode. 🩸
Das stand überhaupt nicht auf meinem Plan. Mein Körper hatte wohl andere Vorstellungen.
Na super.
Sonntagmorgen. Keine Tampons. Bei Matteo. In Italien.
Matteo schlief noch. Ich stand da und wusste nicht was ich tun sollte. Dann – Matteo erschien.
"Good morning! All ok?"
"No!"
Seine Augen: groß.
"I have a big problem."
Ich erklärte ihm auf Englisch – mit Händen, Füßen und dem Handy-Übersetzer – die Situation. Er zögerte keine Sekunde. Packte den Schlüssel.
"Let's go."
In Italien haben Supermärkte sonntags auf. Gott stand definitiv auf meiner Seite. 😄
Matteo rettete mir wieder den Tag. Der ist wirklich mein Held des Jahres! Nun war ich bestens ausgestattet – und der Strand konnte kommen.
🏖️ Strand Posada – türkisblau und traumhaft
Danach: Strand Posada mit Antonios Gruppe. Türkisblaues Wasser. Kaum Menschen. SUP-Paddeln. Die Sonne brannte – aber auf die schöne Art.
Und dann – beim Mittagessen unter freiem Himmel – packte ein Mann aus der Gruppe Sache für Sache aus dem Korb. Käse. Salami. Brot.
Alles selbstgemacht. Von ihm. Auf seinem Bauernhof.
Er erklärte uns stolz jedes einzelne Stück – woher es kam, wie er es gemacht hatte. Mit so einer Selbstverständlichkeit und gleichzeitig so viel Stolz.
Ich saß da und dachte: Dass ich das miterleben darf.
Was für ein Geschenk.
🏰 Castello della Fava – Aussicht bis ans Ende der Welt
Danach fuhren wir weiter nach Posada – zu einem der am besten erhaltenen mittelalterlichen Türme Sardiniens. Das Castello della Fava thront hoch oben über dem Dorf, umgeben von Legenden und Geheimnissen die Jahrhunderte alt sind. Wer mehr wissen möchte: hier entlang.
Um ganz nach oben zu kommen, musste man viele Leitern und Stufen erklimmen – und am Ende durch eine winzige Öffnung kriechen. Sportlich. Aber es hat sich gelohnt.
Denn von oben: eine 360-Grad-Aussicht die einem den Atem verschlägt.
Und als Krönung des Tages – oben auf dem Hügel gab es eine Bar. Wir tranken gemeinsam einen Cocktail, während die Sonne langsam und gemächlich hinter den sardischen Hügeln verschwand.
Später hatte Matteo noch eine Pizzeria organisiert und alle zusammengetrommelt – wir waren sicher 10 bis 12 Personen an einem langen Tisch, haben geschlemmt, gequatscht und getrunken und den Abend einfach gemeinsam ausklingen lassen.
Schöner hätte der Tag nicht enden können.
🌿 Ein Tag nur für mich
Montag. Kein Plan. Kein Muss. Einfach nur sein.
Nach den turbulenten Tagen davor gönnte ich mir einen ruhigen Tag in Olbia. Ich schnappte mir mein Buch, etwas zu essen und machte mich auf einen langen Spaziergang – einfach so, ohne Ziel. Die Stadt, die Gassen, die Ecken die ich noch nicht gesehen hatte. Olbia von einer anderen, ruhigeren Seite.
Irgendwann fand ich ein schönes Plätzchen und machte Picknick. Sonne. Buch. Stille. Genau das was ich brauchte.
Am Abend kochte Matteo für uns. Aglio e Olio – einfach, italienisch, perfekt. Dieser Duft in der Küche, dieser Geschmack.
Manchmal sind die einfachsten Abende die schönsten. 😊
☀️ Der letzte Tag und ein unglaublicher Zufall
Mein letzter ganzer Tag gehörte mir. Und mir alleine. Was macht man an seinem letzten Tag auf einer Insel? Richtig. Nochmal ans Meer. Strand San Teodoro – du bist dran!
Eine Stunde Busfahrt. Danach nochmal 35 Minuten zu Fuß. Als ich ankam – war es einfach nur überfüllt. Egal wo du hinschautes: Menschenmasse. Sie lagen wie Sardinen nebeneinander. Das war so absurd – und es gab nur eine Option:
Weiterlaufen.
Gaaaaanz weit weg weiterlaufen.
Nochmal 20 Minuten durch den Sand. Sauheißen Sand. Ich sprang, lief auf den Fersen, stellte mich auf Steine, lief durch das Wasser am Rand – links von mir Menschen, Menschen und nochmal Menschen. Echt verrückt!
Irgendwann erreichte ich einen Punkt – kaum Menschen, das Meer vor mir, ein See hinter mir.
Hier bleibe ich.
Ich breitete ich mich aus und brutzelte vor mich hin. Schwamm. Las. Schrieb. Hörte Musik und genoss einfach meine letzten Stunden dort. Das Wasser war unglaublich klar und so türkis – das kann man eigentlich nicht in Worte fassen. Es war fast unwirklich. Obwohl es wirklich so war. 😄
Nach ein paar Stunden machte ich mich wieder auf den Weg – der Bus fuhr nicht sooft und ich musste die ganze Strecke wieder zurücklaufen. Gute eine Stunde Spaziergang in praller Sonne einplanen. 😄
Kaum an der Bushaltestelle angekommen, setzte ich mich auf den Bordstein – das einzige Schattenplätzchen weit und breit. Kurz durchatmen, Sonnenpause.
Und dann. Hupte plötzlich ein Auto.
Michelangelo. Einer aus der Clique.
In einem fremden Land. Eine Stunde von Olbia entfernt. An einem von tausend Stränden. Zur gleichen Zeit.
Er wohnte nicht mal in Olbia – war nur zu Besuch. Lebt seit Jahren in Spanien. Und wir waren zur selben Zeit am selben Ort. Nur er mit dem Auto. Luxus. 😄
Ich stieg ein.
Das Universum hat manchmal einen sehr guten Sinn für Timing. 😊
✈️ Arrivederci, Sardinien
Mittwoch. Der Tag an dem ich Sardinien wieder verlassen würde. Mit so vielen unglaublich tollen Eindrücken, so vielen schönen Erinnerungen und besonderen Momenten die ich nie vergessen werde.
Rucksack gepackt. Matteo brachte mich zum Flughafen.
Das hier ist das Einzige was von Matteo und mir visuell festgehalten wurde. Unser erstes – und vorerst letztes – gemeinsames Selfie.
Ich würde ihn gerne wiedersehen. Und Olbia. Und Antonio. Und all die Menschen die mich so offen und herzlich aufgenommen haben.
Es war das Beste was ich tun konnte. Besonders nach so vielen Jahren mal wieder ganz alleine für mich zu sein – keine Verantwortung für andere, einfach nur das tun wonach mir ist. Im eigenen Rhythmus, in meiner eigenen Welt.
Es war eine wunderbare Erfahrung. Und ich will definitiv wieder auf einer fremden Couch in einem fremden Land schlafen, Menschen kennenlernen, Kultur spüren.
In der Regel gibt es für alles eine Lösung.
Man muss nur losgehen. Man muss einfach machen.
🎒 Meine Learnings
250€. Sieben Tage. Eine fremde Couch. Ein kaputtes Handy. Und trotzdem – oder genau deswegen – eine der besten Wochen des Jahres.
Alleine ist man nie wirklich allein – wenn man neugierig bleibt. Und genau diese Offenheit, diese Bereitschaft ins Unbekannte zu springen, Probleme zu lösen und aus jeder Situation das Beste zu machen – das nehme ich nicht nur aus dem Urlaub mit. Das ist einfach wie ich bin.
Was mich durch diese Woche gebracht hat, ist dasselbe, was mich durch Projekte bringt.
Wenn Pläne wegbrechen, fange ich an zu denken. Kein Reisebuddy? Flugpreis entscheidet. Falscher Ladeadapter? Situation analysiert, Nerven behalten, Lösung über Matteo organisiert. 17% Akku, kein Bus-Plan, allein an einem fremden Strand? Prioritäten gesetzt, Vernunft behalten, weitergemacht. Ich werde nicht starr, wenn Dinge wegbrechen – ich suche sofort den nächsten Weg.
Ich kommuniziere – direkt, klar, und auch dann, wenn es unangenehm ist. Und ich tue das mit einer zusätzlichen Herausforderung: Ich bin schwerhörig. In einer fremden Sprache, in einem lauten Bus, in einer Bar mit drei Sprachen gleichzeitig – und trotzdem hat es funktioniert. Nicht weil es einfach war, sondern weil ich nicht aufgehört habe zu fragen, nachzuhaken und Wege zu finden. Ich habe nie so getan als ob – ich habe gesagt, was ist, und dann einfach gemacht. Das gilt im Team genauso wie an einer sardischen Bushaltestelle.
Ich bleibe beweglich – für Menschen, für Situationen, für das Unerwartete. Matteo hat mich keine Stunde nach meiner Ankunft an einem fremden Strand abgesetzt. Ich hätte in Panik geraten können. Stattdessen lag ich im Meer, schaute in den Himmel und dachte: Ich bin wirklich auf Sardinien. Die schönsten Momente entstehen nicht durch Planung. Sie entstehen, weil man bereit ist, loszulassen.
Mit wenig Geld, in einer Sprache die ich kaum spreche, mit eingeschränktem Hörvermögen – und mit dem Rückenwind der Bedenken anderer im Gepäck: „Alleine? Bei einem fremden Mann?" Barrieren bestimmen nicht, wie weit man kommt. Die eigene Haltung tut das. Improvisation, Offenheit, Lösungsdenken – das sind keine Reisequalitäten. Das sind Lebensqualitäten. Und berufliche.
