Sächsi Schweiz 01 🎒🥾
Wie ich ohne Wanderschuhe loszog und mit neuen Ängsten, Muskeln und Glücksgefühlen zurückkam
Eine Geschichte über Mut, Improvisation und das Loslassen von Plänen – und was passiert, wenn man einfach loszieht, obwohl man keine Ahnung hat
Ich hatte ja schon von Tobias erzählt – dem sympathischen Alpinisten, der einfach mal 17 Tage durch die Schweiz marschiert, als wäre das ein Spaziergang durch den Stadtpark. 🏔️
Wirklich.
Siebzehn.
Tage.
Sein Profil auf dieser Plattform, bei dem man einen Reisepartner finden kann, fand ich sofort spannend: empathisch, offen, mit dieser Mischung aus Abenteuergeist und „Ich kann mit Steigeisen umgehen“. 🏔️ Er schickte mir sogar Bilder seiner Tour – ehrlich, das sah aus wie aus einer Doku über Freiheit, Schweiß und frische Bergluft. Ich darf sogar seinen Insta-Account hier verlinken (und glaubt mir: es lohnt sich!).
Nach ein paar Wochen Schreiben war klar: 2–3 Tage Wandern in der Sächsischen Schweiz.
Tobias lebt seit einem Jahr in Dresden und kennt die Gegend gefühlt in- und auswendig. Wahrscheinlich könnte er die Sächsische Schweiz inzwischen auch nachts, rückwärts und mit verbundenen Augen durchqueren – nur anhand von Moosrichtung und Windgeräuschen, da er fast jede Woche dort unterwegs ist.
Ich war sofort Feuer und Flamme. Schlafsack statt Hotel. Sternenhimmel statt Zimmerdecke. Natur statt Komfortzone. das war genau mein Ding.
Mein inneres Wildnis-Ich schrie: Ich bin bereeeeit – lass uns loooosgeheeen!
Am liebsten wäre ich wie Tarzan direkt nach Dresden geschwungen – stilecht, mit Lianen und einer strategisch platzierten Blattbedeckung auf der Brust. 😄
🐖 Survival of the Sparfuchs
Top. Termin und Plan standen.
Nur ein kleines Problem: Ich hatte ungefähr null Wanderausrüstung. Also wirklich gar nichts. Keine Isomatte, keinen Schlafsack, keine Wanderschuhe. Ich war bereit fürs Abenteuer – nur mein Kleiderschrank war’s nicht. Und da mein Haushalt weiterhin ohne eingebauten Geldscheißer funktioniert, musste ich kreativ werden. Ich liebe diesen Kick, etwas hinzubekommen, obwohl es eigentlich nicht geht. Motto: Survival of the Sparfuchs.
Ich erstellte also eine Packliste – mit Gewichtsangabe! Drei Tage unterwegs, zwei Nächte unter freiem Himmel, kein Gepäckdepot, kein „das kann im Hostel bleiben“. Alles musste mit. Und alles musste in meinen 32-Liter-Rucksack.
Da ich keinerlei Erfahrung mit mehrtägigen Wanderungen hatte, schrieb ich Tobias, dass ich nur diesen Rucksack besitze, und fragte, ob das wohl reicht. Seine Antwort? Ein trockenes:
„Ich war 17 Tage in der Schweiz mit 35 Litern unterwegs.“
Bäääm. Meine Kinnlade rollte gefühlt einmal um die Welt.
Ich fühlte mich sofort wie diese Klischee-Frau, die für ein Wochenende Paris drei Koffer braucht – inklusive Glätteisen, Notfallbalsam und emotionalem Support-Kissen.
Das waren meine Gegenstände, die ich für das Abenteuer bereit hatte:
The Reality-Packlist
# Rucksack (gefüllt mit Hoffnung und einem halben Hausstand)
# Merinosocken
# Plastikteller
# Sweatjacke, Regenjacke
# Oberteile
# Bikini (Pflicht Programm – irgendwo wollte ich baden)
# Mikrofaser-Handtuch
# Aufblasbares Kissen – Werbeartikel von der Telekom (Grüße gehen raus, euer Kissen rettet Nächte!) Ein hübscher, bunter Kissenbezug, weil dieses Plastikzeug immer so furchtbar quietscht und man daran klebt, als wäre man füreinander bestimmt. Nur halt... unbequem.
Was mir noch fehlte:
Schlafsack, Isomatte, Unterlage, Wanderschuhe, Wanderhose, Fleecejacke, Merinohose, Proviant, zweites Handtuch, Hygieneartikel – und natürlich Schokolade 🍫
Ich beschloss, möglichst nichts neu zu kaufen. Armut verpflichtet. Aber Ehrgeiz hatte ich!
Ein Auszug aus meiner Suche: Globetrotter.
Ich probierte Wanderschuhe an (ja, ich war dieser Mensch) und dachte erst:
Komm, gönn dir – Qualität hat ihren Preis!
Mein Kontostand fand das allerdings weniger romantisch. Zum Glück entdeckte ich exakt dasselbe Modell – neu, unbenutzt und in meiner Größe – bei eBay Kleinanzeigen. Für 100 Euro.
Ganz ehrlich: Schnäppchen 1 – Kapitalismus 0.
Am Ende hatte ich alles, was ich brauchte – für gefühlt einen Apel und ein Ei.
Ich tanzte durch die Wohnung, als hätte ich gerade den Gipfel meines eigenen kleinen Abenteuerbergs erklommen. Die Sächsische Schweiz konnte kommen!
Naja,… fast.
Denn in der Ecke lag mein Rucksack – mein treuer, aber passiv-aggressiver Mitbewohner – und schien mich mit hochgezogener Reißverschlussbraue anzustarren.
„Du hast keine Ahnung, worauf du dich da einlässt.“
Und vielleicht hatte er recht.
Neun Kilo Gepäck, drei Tage Wandern, zwei Nächte unter freiem Himmel – und dazwischen Kletterpassagen, für die ich eigentlich null Erfahrung hatte. In meiner Vorstellung kletterte ich locker und filmreif – natürlich ohne Rucksack, mit wehenden Haaren und epischer Musik im Hintergrund.
Die Realität?
Tja… die war dann doch eine andere.
Statt lässig über Felsen zu steigen, hing ich am Stein, während mein Rucksack gefühlt die Schwerkraft verdoppelte. Mein Puls? Jenseits von Gut und Böse. Ich war vollgepumpt mit Adrenalin und merkte schnell: Meine Arme hatten die Kraft einer beleidigten Spaghetti.
Klettern mit Gepäck? Keine Chance.
Ohne Gurt, ohne Sicherung – nur ich, meine Panik und der feste Glaube, dass mich das Universum heute bitte nicht fallen lässt. Es war ehrlich gesagt dramatischer, als ich’s mir je vorgestellt hatte. Und ohne die Hilfe anderer wäre ich da niemals hochgekommen.
Aber das erzähl ich euch später – das war eine Szene, die sich fest in mein Gedächtnis gebrannt hat.
Am Ende dachte ich mir nur: Ach komm, so schlimm kann’s nicht werden. Ich baute auf mein Können, meine Sportlichkeit und eine gute Portion Optimismus.
Eins wusste ich sicher: Ich hatte Lust, mich selbst zu überraschen.
🚅Ankunft in Dresden
Nach vier Stunden Zugfahrt Richtung Abenteuer war ich endlich in Dresden. Tobias holte mich direkt am Bahnsteig ab – und zack, es ging los. Kein sanfter Start, kein „Komm erstmal an“, sondern direkt durch die Stadt marschieren. Mit Rucksack versteht sich.
Er fragte zwar mehrmals, ob er ihn tragen soll (Gentleman-Punkte! 🏅), aber pff – selbst ist die Frau. Ich trug das Ding mit Stolz. Und leichtem Keuchen.
Wir liefen durch die Altstadt und machten an einigen Stellen einen kurzen Stopp. Kaum zu glauben, mit welcher Liebe zum Detail die Dresdner Innenstadt nach der fast vollständigen Zerstörung durch die Luftangriffe im Februar 1945 wieder aufgebaut wurde – originalgetreu, Stein für Stein, teils mit original erhaltenem Material, teils neu erschaffen. Was heute so prächtig dasteht, ist das Ergebnis jahrzehntelanger Arbeit. Das macht es irgendwie noch bewundernswerter.
Dann kam unser erster richtiger Stopp: Kaiten Runway – Running Sushi.
Ein kleiner, süßer Laden, in dem mein Rucksack gefühlt mehr Platz beanspruchte als der Raum selbst. Tellerchen rollten vorbei, Tobias zeigte mir geduldig, wie man Stäbchen richtig hält – immerhin war’s bei mir schon zwei Jahre her.
Er erzählte lachend, dass er beim letzten Besuch mit seinem Kumpel rausgeflogen war, weil sie zu viel gegessen hatten. Challenge accepted? Offensichtlich ja. Tobias schaffte am Ende 24 Teller - auf jeden Fall mehr als er mit seinem Kumpel da war. Ich landete bei 14 – und war kurz vorm Platzen. Ich habe keine Ahnung, wie der Kerl das macht. Vielleicht ist das Bergsteiger-Ausdauertraining.
Die Auswahl war großartig: Sushi mit Avocado, mit Lachs, panierte Blumenkohlröschen (neue Liebe!), scharfe Gemüsesuppe, Chili-Gemüsesalat – himmlisch! Nur manches schmeckte ein bisschen nach „Ketchup-Panade deluxe“. Aber insgesamt? 10/10, würde wieder Sushi schnabulieren. 🍣
🌆 Der Abend in Dresden
Danach sind wir zu Fuß zu Tobias nach Hause – gefühlt waren wir zehn Kilometer unterwegs. Mein Rucksack-Testlauf also bestanden.
Zwischendurch machten wir einen Stopp bei der Carolabrücke. Sie ist im September 2024 in der Nacht eingestürzt, erzählte Tobias. Wir liefen weiter zu einer kleinen Plattform, von der aus man eine schöne Skyline von Dresden sehen konnte – die Stadt leuchtete, die Lichter spiegelten sich im Wasser. Ruhig. Magisch. Ein Moment, der blieb.
Schließlich erreichten wir Tobias’ Haus.
Fünfter Stock.
Kein Aufzug.
Natürlich.
Das Leben wollte wohl testen, wie ernst es mir mit diesem Abenteuer wirklich ist.
Und als wär’s nicht genug, war das Haus ein echtes Labyrinth: rechts, links, Tür, Treppe, wieder Tür. Ich hatte kurz das Gefühl, er führt mich absichtlich in die Irre. Aber irgendwann, nach gefühlten zwei Kilometern Indoor-Wanderung, standen wir endlich vor seiner Wohnungstür.
🛋️ Über den Dächern
Er hatte mich fair gewarnt, dass er kein Gästebett hat. Mir war’s egal. Die Wohnung war gemütlich, warm, mit einer riesigen Pflanze im Dachgeschoss – so ein grünes schönes Monster, das man eigentlich nur mit einem Kran hochbekommt. Ich habe mich sofort wohlgefühlt.
Ich durfte auf der kleinen Couch schlafen – 1,40 breit, perfekt für Menschen, die Yoga im Schlaf machen. Tobias bot mir sogar sein Bett an, aber mein schlechtes Gewissen siegte. Er gab mir seine einzige Decke (was für ein Gentleman!), und ich nahm sie – natürlich nur, weil er behauptete, ihm sei eh immer zu warm.
Wir saßen noch auf der Couch, redeten, lachten, und er zeigte mir Bilder seiner Bergtour auf Zermatt – atemberaubend! (Schaut wirklich bei ihm auf Insta vorbei!)
Gegen eins siegte dann die Vernunft. Ich richtete mein kleines Schlafnest ein, suchte die perfekte Position – ein Bein über der Lehne, das andere angewinkelt, Decke halb als Kissen, halb als Lebensretter – und zack, Schlummerland.
🌇Guten Morgen, Abenteuer
Ohne Wecker aufzuwachen war das Beste. Wir waren beide gegen halb sieben wach, ganz ohne Piepen. Nach der Morgenroutine und Rucksackkontrolle ging’s los – auf zur Bäckerei. Eine Mischung aus Bäckerei und Pizzeria, kurios, aber charmant. Ich holte mir Kaffee (Tobias trinkt keinen – wie kann man so leben?!) und ein paar Croissants und Brötchen. Frühstück to go.
In der Straßenbahn das Highlight des Morgens- ich bekam eine persönliche Ansage vom Fahrer, ist das nicht nett? Er sagte folgendes: "Bitte den Kaffeebecher mit einem Deckel schließen, sonst bitte ich Sie auszusteigen.“ Kaffeerebellin on tour. ☕😎
⛰️Auf in die Sächsische Schweiz
Von Dresden ging’s nach Rathen – unser Startpunkt. Wir setzten mit einem kleinen Schiff über die Elbe und liefen zu einer Aussichtsplattform. Alles idyllisch – bis meine Nase sich entschied, dichtzumachen. Super. Abenteuer mit halber Sauerstoffzufuhr.
Aber die Aussicht? Ein Traum.
Später an der Basteibrücke gab’s dann Softeis. Und weil ich natürlich ein Profi im Kleckern bin, hatte ich nach fünf Minuten mehr Eis an der Hand als in der Waffel. Tobias grinste – spätestens jetzt wusste er, dass es mit mir nicht langweilig wird. Danach: lange Hose aus, kurze Hose an. Beste Entscheidung!
Danach ging es zu einer Plattform - von der Plattform dort oben: dieser Wahnsinnsausblick – und unser erstes Selfie.
Darf ich vorstellen? Tobias. 📸
Nach der wunderbaren Aussicht ging es wieder runter, zwischen Felswände, mit unterschiedlichen Wegen, mit Treppen, aus Holz, aus Metall und und und. Diese frische Waldluft war fantastisch.
Irgendwann kamen wir an der Amselsee vorbei, dort kann man auch Boote leihen, sehr idyllisch dürr mitten im Wald. Darauf kamen wir dann an einem Miniwasserfall - Amselfall - vorbei. Tobias meinte, er habe sich dort beim letzten Mal die Haare nass gemacht.
Ich dachte: Ich will auch!
Also zack – Kopf drunter.
Ergebnis: komplett nass, inklusive Wanderschuhe. Tobias war völlig baff.
Aber hey – spontane Momente sind doch immer die besten.
🌧️Regen, Suppe und ein Fass ohne Boden
Der Weg führte uns danach an der Rathenwalder Mühle vorbei, und kurz darauf zwang uns ein kühler Regenschauer in ein Gasthaus.
Ich bestellte mir eine Brokkolicremesuppe – warm, grün, beruhigend.
Tobias hingegen orderte ein Schnitzel mit Kroketten in der Größe eines mittelgroßen Bundeslandes. Ich weiß wirklich nicht, ob sein Magen ein eigenes schwarzes Loch beherbergt, aber dieser Mann kann essen. Ich wiederhole mich gern: Tobias ist ein Fass ohne Boden. Und zwar ein sympathisches.
Danach wanderten wir weiter: Feldwege, Straßenränder, versteckte Pfade, kleine Gassen, Felsenpassagen, Stufen hinauf, Stufen hinunter - Metalltreppen, Holztreppen, Steintreppen… Ich sag’s euch: Wenn es in der Sächsischen Schweiz eines gibt, dann Treppen. Treppen in allen Variationen, vermutlich sogar welche in XXL, die nur für Bergziegen gedacht sind.
Aussichtspunkte zum Staunen und Waldstücke zum Durchatmen. Die Natur war majestätisch und gleichzeitig wohltuend leer – wir hatten die Wege fast nur für uns.
Zwischendurch hielten wir Ausschau nach einem Flussabschnitt, in den ich mich hätte stürzen können, aber alle Stellen sahen eher nach „Planschbecken für Zwei- bis Vierjährige“ aus. Und da wir keine Förmchen und kein Gießkännchen dabeihatten, ließen wir das bleiben.
In Rathen machten wir eine Pause. Dort stand ein Feuerwehrwagen, der so klein und süß war, dass ich kurz dachte, er sei von Playmobil. In Hannover sind die Feuerwehrwägen echte Oschis – das Ding hier war eher Kategorie „Bobbycar für Helden“. Und daneben das winzige Feuerwehrhäuschen. Ich hatte sofort Herzaugen.
🗺️Planänderung, Regen & die Nacht in der Lichterhöhle
Das Wetter beschloss, uns eine neue Dramaturgie zu schenken: Regen in der Nacht. Tobias – Ruhe in Person – suchte sofort nach einer Alternative. Der Mann ist ein wandelndes Offline-Navi.
Ziel: Kleinhennersdorfer Stein mit seinen drei Höhlen.
Die Dämmerung kroch bereits durch den Wald, als wir dort ankamen. Die erste Höhle war nur ein schmaler Schlupf, und davor flatterten mehrere Fledermäuse nervös durch die Luft – also weiter. Die zweite: die Lichterhöhle. Groß, tief, geheimnisvoll. Ein bisschen mystisch, ein bisschen unheimlich, aber absolut perfekt.
Tobias breitete sein Schlafsack-Ding schon routiniert aus, während ich versuchte, meinen Kram so aussehen zu lassen, als wüsste ich, was ich tue. Wir bauten unseren Schlafplatz direkt am Eingang auf. Mein Schlafplatz war schnell hergerichtet: Isomatte, Schlafsack, Kissen mit buntem Bezug (Halleluja, kein Plastik-Anklebegeräusch!).
Unser Abendmenü war ein Festival der Tütenküche: Kartoffelpüree mit Speck und Zwiebeln, Geschnetzeltes, Avocado, Apfel, heiße Schokolade und Tee. Drei-Sterne-Outdoor-Dinner mit Sternenhimmel (oder zumindest Höhlenkühle).
Nach einer Weile beschloss unsere kleine Expedition, dass es Zeit für einen Umzug war. Der Himmel wirkte zunehmend unseriös, und die Aussicht auf nächtlichen Regen in Kombination mit Schlafsäcken ließ unsere Motivation rapide sinken. Also zogen wir in die Höhle um – trocken, kühl und mit deutlich weniger Wetter von oben. Mein Rucksack durfte natürlich mit hinein und bekam dort direkt eine neue Aufgabe zugewiesen: Er fungierte fortan als Rollschutz. Denn mein Schlafplatz lag strategisch so, dass ein unkontrolliertes Wegrollen mich gute 1,80 bis 2 Meter tiefer befördert hätte. Keine lebensbedrohliche Tiefe, aber definitiv genug für ein sehr abruptes Erwachen. So lag ich schließlich da, abgestützt von meinem treuen Gepäckstück, das nun weniger Last und mehr Lebensversicherung war. Durch ein kleines Höhlenfenster schaute die Nacht herein – und alles fühlte sich plötzlich genau richtig abenteuerlich an.
Zwischen-Gag am Rande: Tobias hat ganz offensichtlich seine große Liebe gefunden – das Matterhorn. Ich konnte förmlich spüren, wie stark ihn dieser Berg in seinen Bann zog. So stark sogar, dass für ihn völlig klar ist: Irgendwann wird dieser Berg bestiegen.
Punkt.
Keine Diskussion.
Um diese neu entflammte Bergbeziehung gebührend zu würdigen, habe ich ihm im Nachgang mit ChatGPT zwei Bilder generieren lassen. Wir hatten nämlich darüber philosophiert, wie episch es wäre, wenn man durch unsere kleine Höhlenluke direkt auf das Matterhorn blicken könnte.
Spoiler: Es wäre sehr, sehr episch.
Schon ziemlich magisch, oder? ✨😄 Ein Schlafplatz mit direktem Matterhorn-Fenster hätte unsere Höhle endgültig in eine kleine Luxussuite verwandelt – den hätte ich mir definitiv nicht entgehen lassen. Aber gut – zurück in die Realität. Und zurück zur tatsächlichen Geschichte. 😉
Und ich lag da, schaute zur Höhlendecke und dachte:
„Verrückt. Ich schlafe heute wirklich in einer Höhle.“
Ich – die noch vor kurzem nicht mal Wanderschuhe besessen hatte.
Ich – die später feststellen würde, dass sie mit Rucksack nicht mal zwei Meter irgendwo hochkommt, ohne mindestens fünf neue Ängste zu entwickeln.
Ich – die noch nie vorher mit fremden Menschen in einer Höhle geschlafen hat.
Aber in diesem Moment fühlte es sich richtig an.
Mutig.
Frei.
Abenteuerlich.
Und ein wenig verrückt – aber die gute Art verrückt.
Irgendwann waren wir beide im Schlummerland.
🌇Der nächste Morgen & der Papststein
Am nächsten Morgen stand die dritte Höhle auf dem Programm – diesmal bei Tageslicht und dadurch deutlich weniger gruselig. Überraschenderweise wirkte sie fast schon freundlich. Danach wanderten wir weiter Richtung Papststein. Oben angekommen erwartete uns eine Aussichtsplattform, die so schön war, dass selbst die Wolken kurz innehielten, als müssten sie kurz überlegen, ob sie bleiben oder weiterziehen sollten
Wir machten einen Stopp, um ein wenig frei zu klettern. Tobias wollte einschätzen, wie gut das bei mir klappt – er selbst schoss dabei völlig souverän und mit beeindruckender Leichtigkeit bis ganz nach oben. Ich hingegen merkte irgendwann sehr deutlich, wie mein Kopf beschloss: „Nö.“
Es fühlte sich für mich zu riskant an. Ich bin einfach nicht so erfahren, und ich habe Verantwortung – unter anderem für mein Kind – und wollte mein Leben nicht leichtsinnig aufs Spiel setzen. Die Aussicht von meiner Position aus war trotzdem großartig, und es war unglaublich spannend, Tobias beim Klettern zuzusehen. Besonders cool war die Oberfläche der Felsen: extrem griffig, fast wie feines Schnörkelpapier. Das vermittelte ein überraschend gutes Gefühl von Sicherheit. Danach packten wir wieder unsere federleichten Rucksäcke auf (Ironie bitte mitlesen) und liefen weiter Richtung Häntzschelstiege – zumindest war das der Plan. Dass wir dort niemals ankommen würden, wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
☕Königstein, Kaffee & Chaos mit Stil
Wir kamen in Königstein an, einem dieser süßen kleinen Orte, wie sie hier überall zu finden sind. Es fühlte sich an, als wäre die Zeit stehen geblieben – vor allem im Vergleich zu Hannover. Alles wirkte entschleunigter, einfacher, mit kleinen Läden und viel Charme.
Wir füllten unsere Wasservorräte auf, kauften Snacks (sehr wichtig) und gönnten uns danach ein richtig gutes Frühstück beim Bäcker. Mit KAFFEEEEEE. Ebenfalls sehr wichtig.
Dann ging es weiter mit dem Zug, inklusive Umsteigen. Was theoretisch simpel klang, entwickelte sich schnell zu einer kleinen Episode im Genre „Chaos mit Stil“. Am Bahnsteig standen zwei Züge – natürlich stiegen wir zuerst in den falschen ein. Als wir es bemerkten, sprangen wir wieder raus, und exakt in diesem dramatischen Moment fuhr unser richtiger Zug ab. Dramaturgisch hätte man es kaum besser inszenieren können.
Die nächste Bahn? Zwei Stunden später. Na toll.
Plan B: Schiff über die Elbe, dann Bus Richtung Schmilka.
Trotz des kleinen logistischen Dramas fühlte sich alles immer noch nach Abenteuer an – mit Humor, Improvisation und dem festen Willen, dass uns weder Züge noch Fahrpläne die Stimmung verderben würden.
Im Bus schlief Tobias tief und fest, ich eher so halb. Beinahe hätten wir unsere Haltestelle verpasst und wären einfach weitergefahren – Abenteuer auf Rädern! Als wir schließlich ausstiegen, landeten wir in einem kleinen, unglaublich hübschen Dorf mit vielen historischen Fachwerkhäuser. So schön, dass man an jeder Ecke stehen bleiben und „Ahhh!“ oder „Ooooh!“ sagen wollte. Blumengeschmückte Fenster, winzige Details, Straßen wie aus einer Postkarte.
🌳Asphalt, Atemnot & Waldchaos
Und dann … Trommelwirbel bitte: ein asphaltierter Weg mit gefühlten 45 Grad Steigung und einer Sichtweite von zehn Kilometern.
Echt jetzt?!
Wir krochen den Berg hoch. Wobei „wir“ bedeutete: Ich kroch – und Tobias passte sich heldenhaft meinem Schneckentempo an. Du gutmütiger Mensch! 😄
Meine Nase beschloss irgendwann, dass Atmen überbewertet ist. Luft holen wurde zur sportlichen Höchstleistung, ich keuchte, schnappte nach Luft und sah vermutlich aus wie ein rosa Wal beim Versuch, aus einem Swimmingpool zu klettern. Als endlich wieder eine gerade Strecke kam, hielt ich innerlich eine Dankesrede an die Götter der Horizontalen.
Das nächste Abenteuer wartete schon: Wir bogen vom normalen Weg ab auf einen Pfad in einem Wald voller Chaos. Überall ragten umgefallene Bäume querbeet in alle Richtungen. Durch den Regen war es zudem matschig, rutschig und absolut unberechenbar – perfekt für den Ganzkörpereinsatz mit Rucksack. Unter Baumstämmen hindurch, über Baumstämme drüber – langweilig war es keineswegs. Im Gegenteil: Es machte sogar richtig Spaß!
Der Weg führte immer weiter nach oben, bis wir plötzlich stoppten.
Hä? Wo ist der Wanderweg?
Wie jetzt?
Es geht da hoch … echt jetzt?!
🪨Die Starke Stiege & der Moment, in dem nichts mehr ging
Darf ich vorstellen: die Starke Stiege.
Die 90 Grad Wand.
Wirklich.
Sie ging einfach nur steil nach oben, mit ein paar sehr versetzten kleine Griffe.
Hervorragend. Vor allem für mich.
Klettergurt? Fehlanzeige. Sicherung? Nope. Die einzige Option: frei hochklettern.
Na super., auf gehts!
Ich ließ Tobias vor und begann selbst aufzusteigen. Nach geschätzten fünf Metern war Schluss. Komplett festgehangen. Mit Rucksack. Mein Kopf machte dicht, meine Arme fühlten sich an wie zwei beleidigte Spaghetti, und mein Optimismus hing irgendwo zwischen „Ich schaffe das“ und „Bitte lasst mich einfach wieder runter“.
Während ich dort hing, tauchte hinter mir eine weitere Wandergruppe auf. Freundliche Gesichter, neugierige Blicke – so nach dem Motto: Oh, sie ist ja mittendrin.
Und ich rief einfach: „Ich hänge hier fest! Ich will weder zurück noch vorwärts! Mein Rucksack macht mich wahnsinnig!“
Und dann passierte das Wunder. Ein Mann aus der Gruppe rief sofort: „Zieh dein Rucksack aus, ich nehme ihn. Geh einfach hoch, ich bring ihn dir nach.“
Echt?! Ich glaub das ganz Universum hat das Funkeln und Strahlen in meinen Augen gesehen.
Allein den Rucksack loszuwerden, veränderte alles. Ich kletterte weiter, mein Mut war zurück – und oben angekommen fühlten sich meine Beine an wie Marshmallow auf Wandertour. Das habe ich wirklich nicht so kommen sehen.
Der Mann kam nach und brachte mir meinen Rucksack hoch. Mein Held des Tages. Wenn du das jemals liest: DANKE! Ohne dich würde ich vermutlich immer noch dort hängen. 😄
🏞️Ganz oben – und ganz schön nah am Abgrund
Dann ging es weiter hoch. Und irgendwann – ganz oben angekommen – liefen wir eine gefühlte Ewigkeit direkt an der Kante entlang. Oberer Terrassenweg. Gigantische, endlos lange Felsen. Und darunter? Richtig tief. So richtig senkrecht tief.
An manchen Stellen wurde mir ehrlich gesagt etwas komisch. Es ist einfach ein Unterschied, ob man locker spaziert oder mit einem schweren Rucksack auf dem Rücken an einer Kante entlangläuft, bei der ein Fehltritt keine lustige Geschichte mehr wäre. Überall schossen Baumwurzeln aus dem Boden, als wollten sie mir gezielt ein Bein stellen. Und ich dachte nur:
Bitte, bleib einfach nicht hängen.Liebe Tollpatschigkeit – bleib fern von mir.Und Füße: Stolpert heute bitte nicht über euch selbst.
Dann gab es Passagen, da war schlicht… nicht viel Weg. Teilweise nur eine Lücke. Dafür hatten sich die Felsenmenschen zum Glück etwas gedacht und Haltegriffe direkt in den Stein gehauen. Festhalten, rüberziehen, weiteratmen.
Und dann kam diese Stelle. Ein Fels ragte heraus, darunter wenig Boden und dahinter: unfassbar viel Luft. Kein Haltegriff. Kein „Ach komm, geht schon“. Nur ich. Mein schwerer Rucksack. Und – ja, wir reden darüber – meine Brüste, die mir plötzlich vorkamen wie zusätzliche Gewichte mit eigener Meinung. Ich fühlte mich ein bisschen wie eine Baby-Doll-Version von mir selbst. Und ich konnte nicht.
Tobias streckte mir ruhig die Hand entgegen. Gut, dass ich nicht gezögert habe. Denn im Nachhinein lief in meinem Kopf sofort das ganz große Kino: Ich rutsche ab, ziehe ihn mit, wir purzeln gemeinsam runter, besser wir fallen, dramatische Musik, Schnitt, Abspann. Ja. Fantasie habe ich. Und zwar reichlich.
Aber abgesehen von diesen wenigen, sehr uncoolen Momenten war es dort oben einfach nur… atemberaubend. Die Aussicht. Die Weite. Wie weit man schauen konnte. Worte reichen dafür eigentlich nicht. Es fühlte sich einfach unglaublich schön an, dort entlangzulaufen.
🤏Wieder runter – und plötzlich ganz klein
Irgendwann ging es wieder runter. Und weiter runter. Und noch weiter runter.
Treppen in allen möglichen Formen und Materialien. Holz, Stein, Metall – ich glaube, es war alles dabei.
Dann standen wir an einem Wegezweig und konnten von unten nach oben schauen. Dorthin, wo wir gerade noch gelaufen waren. Und erst da wurde mir klar, wie hoch das eigentlich war.
Verrückt. Einfach verrückt.
🎁Vertrauen, Waldchaos & Überraschungen
Ich hatte ja – wie so oft – keine Ahnung und verließ mich komplett auf Tobias.
Lieber Tobias, an dieser Stelle: Ich habe schon ein ziemlich großes Vertrauen zu dir ;P
Wir liefen einen schmalen, plattgedrückten Weg entlang. Oder nennen wir es lieber das, was es war: eine grobe Idee von einem Weg. Überall lagen umgekippte Bäume, der eigentliche Wanderweg war praktisch verschwunden.
Mitten in diesem Baumchaos trafen wir zwei Menschen, die sich verlaufen hatten und zur Rübezahlstiege wollten. Tobias wusste sofort, wo sie hinmussten, und meinte ganz entspannt, sie könnten sich ja einfach an uns anschließen.
Ich hatte zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung, was noch auf mich zukam. Ich hatte mir vor der Reise nur die Häntzschelstiege angeschaut. Von den anderen beiden wusste ich bis dahin exakt: nichts.
Tobias neigt wohl dazu, Menschen in seinem Umfeld gern spontan zu überraschen.
Jetzt führte er also drei Menschen durch ein Waldchaos aus kreuz und quer liegenden Baumstämmen. Klettern, drübersteigen, drunterdurch – von einem Weg keine Spur. Ohne unseren Super-Guide hätten sie das vermutlich nie gefunden. Tobias’ Navi wusste allerdings ganz genau, wo es langging.
🪨Déjà-vu mit Felswand
Und dann… kannte ich diese Situation plötzlich sehr gut.
Der Weg hörte einfach auf.
Und was war vor uns?
Natürlich.
Wieder eine steile 90-Grad-Wand.
Wanderweg? Fehlanzeige.
Andere Option? Nein.
Außer zurückgehen.
Ich schaute hoch. Fantastisch. ironie off 😛
Damit ihr wisst von welcher Stiege ich spreche: Die Rübezahlstiege.
🧗 Kopf gegen Wand – und trotzdem weiter
Die beiden, die mit uns gegangen waren, kletterten bereits hoch. Wir sagten noch „bis gleich“. Spoiler: Ich habe sie danach nie wieder gesehen.
Liebe Grüße an euch – sehr sympathische Menschen!
Tobias ging vor und war vermutlich schon halb oben, während ich mit den ersten fünf Metern kämpfte. Mit Rucksack. Aber hey – ich habe es tatsächlich geschafft. Cool, oder?! Schulterklopf-Moment.
Dann meldete sich mein Kopf wieder sehr deutlich:
Nö. Rucksack ablegen. Ich gehe keinen Meter weiter mit diesem Elefanten.
Also saß ich da und wartete, bis Tobias meinen Rucksack holte. Er kam, nahm ihn mit und legte ihn weiter oben an einer Stelle ab. Der genaue Plan ist mir heute nicht mehr ganz klar – aber es gab einen. Tobias wusste, was zu tun war.
Als ich dort ankam, hatte mein Kopf allerdings schon wieder einen eigenen Plan. Ich hätte eigentlich noch ein Stück ohne Rucksack weitergehen sollen, damit Tobias ihn mir später reicht.
Aber nein. Kopf sagte: Jetzt nimmst du dieses Ding, ziehst es an und gehst einfach.
Gesagt, getan. Ich zog ihn an, kletterte einfach weiter, ohne groß nachzudenken, zog mich hoch und hoch und hoch – und warf mich schließlich auf eine flache, breitere Stelle. Auf den Rücken.
Pure Erleichterung.
Aber: Ich war noch nicht oben.
Nein.
Da kam noch einiges.
🕳️Die enge Nische & das Mini-Schlupfloch
Ich hing wieder an einer Stelle und dachte nur:
Wie zur Hölle soll ich das jetzt machen?
Der nächste Steig war gefühlt drei Meter entfernt und rief mir innerlich zu: „Fang mich doch. Fang mich doch!“
Für diesen Move braucht man entweder viel Kraft oder Beweglichkeit.
Zum Glück besaß ich zumindest Letzteres.
Ich fluchte ein bisschen, probierte herum, fand irgendwie eine Möglichkeit – und zog mich plötzlich in eine super enge Nische hinein.
Gott, dieses Gefühl, wieder Boden unter dem Hintern zu haben… unbezahlbar.
Das Ende war jetzt in Sicht:
Ein kleines, winziges Schlupfloch.
So klein, dass man da mit einem Rucksack definitiv nicht durchkommt.
Ich musste meinen Rucksack in dieser engen Nische ablegen und mich allein durch dieses kleine, enge Loch nach draußen quetschen. Wirklich allein. Ohne Rucksack. Ohne Sicherheitsnetz. Ohne Rückfahrkarte.
Draußen angekommen wartete ich – leicht zitternd, aber stolz wie Bolle – bis Tobias nach kam und mir meinen Rucksack durchschob.
Und dann dieser Moment:
Oh. Mein. Gott.
Ich habe es geschafft.
Ich stand komplett unter Strom, bis oben hin vollgepumpt mit Adrenalin. Ehrlich gesagt kann ich mich auch hier überhaupt nicht mehr an die Aussicht erinnern. Keine Ahnung, ob sie spektakulär war oder nicht – ich war einfach nur heilfroh, dass ich oben angekommen bin.
Es gab in diesem Moment nichts zu genießen. Kein Innehalten. Kein „Wow, wie schön“.
Nur pure, ehrliche, ungefilterte Erleichterung, dass diese Kletterpassage hinter mir lag.
Ende.
Aus.
Vorbei. 🎉
💡Planänderung unter Adrenalin
Durch die von mir verursachten – nennen wir sie liebevoll – „panikattackenähnlichen Situationen“ hatten wir mehr Zeit verloren als geplant. Tobias wusste ziemlich schnell: Zur Hänzschelstiege schaffen wir es heute nicht mehr.
Ursprünglich war geplant, dass wir oben dort übernachten. Tja. Plan war gut. Realität hatte andere Ideen.
Nun musste also kurzfristig ein neuer Schlafplatz her – und zwar schnell. Denn im Dunkeln durch Wald, Felsen und Ungewissheit zu marschieren, um irgendwo einen Schlafplatz zu finden, ist…sagen wir mal: für mich eher nicht so toll.
Tobias schaute kurz auf die Karte. Sehr kurz. Und hatte sofort eine Idee. Einen Plan. Mein Held.
Er entschied sich für den Frienstein. Und wir marschierten in einem ziemlich sportlichen Tempo los.
Und ich sag dir eins:
Es musste einfach genau so kommen. Genau dort. Genau an diesem Ort.
Denn diese Nacht war… unbezahlbar.
Ganz ehrlich: Das wird eine der besten Nächte meines Lebens gewesen sein.
🌕Über den Felsen – Licht, das keiner bestellt hat
Oben angekommen suchten wir einen Schlafplatz – und fanden eine Unterkunft mit einer wahnsinnig tollen Aussicht.
Ist das geil oder ist das geil?!
Dort machten wir es uns gemütlich, bereiteten unser Abendessen vor und kuschelten uns danach in unsere Schlafsäcke.
Plötzlich erhellte sich auf der anderen Seite etwas. Ich konnte nicht einordnen, was das ist, und sagte zu Tobias: „Schau mal… was ist das?!“
Er wusste es auch nicht und meinte, vielleicht ein Haus, bei dem jemand das Licht angemacht hat. Ich so: „Nee… das ist viel zu hell. Und vor allem: das ist rund. Hoffentlich brennt da nichts.“ Das Licht flimmerte merkwürdig. Und dann merkten wir beide:
Es wurde größer.
Und größer.
Und größer.
Wir machten Fotos, rätselten, spekulierten.
Und dann meinte Tobias plötzlich ganz vorsichtig: „… ist das der Mond?“
Wie verrückt ist das denn bitte?!
Es war der Vollmond. Und er kam einfach so zum Vorschein. Schnell, mächtig, beeindruckend.
Eine absolute Überraschung – wir hatten beide überhaupt nicht auf dem Schirm, dass wir an diesem Abend einen so gigantischen Vollmond direkt vor der Nase haben würden.
Wir bewunderten ihn lange, quatschten noch eine ganze Weile und schliefen schließlich ein.
✨Zwischen Sternen und Sonnenaufgang
In der Nacht wurde ich gegen 3 Uhr wach – und war völlig hin und weg.
Ein unglaublicher Sternenhimmel. Und man konnte schon ganz leicht erahnen, dass der nächste Morgen langsam näherkam.
Ich schlief wieder ein und wachte gegen 6 Uhr erneut auf.
Tobias sagte leise: „Schau mal… gleich kommt die Sonne.“
Wie magisch.
Den Sonnenaufgang von Anfang an zu erleben.
Diese Strahlkraft. Dieses langsame Erwachen des Tages. Wie die Nacht geht, wie dieses wunderbare runde Ding am Horizont erscheint und immer mächtiger wird.
Dazu dieser Nebel, der zwischen den Bäumen im Tal festhing.
Einfach absolut unbezahlbar.
Ich bin so dankbar, diesen Moment, diese Nacht und diesen Morgen erlebt zu haben.
⏱️Zeitplan, Igor & die große Paddel-Realität
So schön das alles war – wir mussten los. Der Zeitplan klopfte an. Schmilka, Bus, Rathen. Wir packten unsere Sachen zusammen. Denn am Tag davor hatten wir spontan beschlossen, 19 km mit dem Kanu von Rathen nach Dresden zu paddeln.
Kleiner Zeitfaktor:
Meine Bahn fuhr um 17:09 Uhr in Dresden Hbf.
Das Kanu bekamen wir um 12 Uhr.
Um 16 Uhr mussten wir am Ziel sein, um Bus und Bahn rechtzeitig zu erwischen.
Challenge accepted.
Oder wie wir sagten: Wir versuchen es einfach.
Wir liefen wieder zügig los. In Schmilka angekommen hatten wir sogar noch Zeit, frühstückten in einem kleinen Hinterhof. Alle Lädchen waren geschlossen – der Hof gehörte ganz uns. Perfekt.
Danach ging es weiter zum Busbahnhof, dann mit der Fähre über die Elbe nach Rathen. Dort blieb sogar noch Zeit für ein Eis am Morgen, bevor wir zum Treffpunkt der Kanuübergabe gingen.
Kurze Turboeinweisung.
Wir durften uns ein Kanu aussuchen und entschieden uns für Igor.
Igor sah sympathisch aus. Und sportlich.
Wir waren uns sicher: Mit Igor kommen wir zuverlässig ans Ziel.
Ich saß vorne, Tobias hinten. Tobias hatte das Steuer – zum Glück.
Ich war sehr froh darüber, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass wir sonst heute noch im Kreis paddeln würden.
Eine Regel gab es noch: Wenn ein großes Schiff kommt, sollen wir an den Rand fahren und das Kanu frontal gegen die Wellen ausrichten, damit wir nicht umkippen. Tobias machte das bravourös.
Vorne saß natürlich die beste Paddlerin. 😜
Mit Eleganz, Schwung und einem wahnsinnig großartigen Rhythmus bewegte ich das Paddel. So perfekt, dass sich hinten bei Tobias dauerhaft ein kleiner Minipool bildete.
Abkühlung Deluxe für Tobias.
Oder anders gesagt: Tobias bekam von mir durchgehend eine frische, kühlende Welle ab.
Ja ja, damit wurde ich auch aufgezogen – herzlichen Dank, lieber Tobias 😛
Zwischendrin gab es eine kleine Pause (Höhe Großsedlitz), denn ich hatte mir gewünscht, an diesem Wochenende einmal ins Wasser zu gehen.
Nicht umsonst hatte ich diesen schweren Bikini drei Tage lang mit mir herumgeschleppt.
Wir legten an, zogen uns um und sprangen in die Elbe.
Wir schwammen gegen die Strömung – man blieb einfach immer an derselben Stelle. Praktisch:Man war immer direkt beim Kanu.
Und Tobias…
Nun ja. Er musste kurz angeben. Aber das ist okay, er darf das. ;D Er schwamm bis zur Mitte der Elbe, dort wo die Strömung am stärksten war – und hielt sich wacker.
Es sah sehr witzig aus, weil er einfach nicht vorankam.
Lange Pause war aber nicht drin – mein Zug wartete schließlich nicht.
Also stiegen wir mit nassen Sachen wieder ein, schoben Igor zurück auf die Elbe und paddelten weiter.
Wir mussten zwei Brücken unterfahren.
Und natürlich ließ ich mir das nicht entgehen:
Echotest.
Ich schrie einfach los. Großartig.
Einfach mal das machen, worauf man Lust hat 😀
Ich winkte außerdem zwei Menschen auf einer Brücke – sie lächelten und winkten zurück.
Ist es nicht schön, wie man mit so kleinen Gesten jemandem den Tag versüßen kann?
Ich weiß nicht, ich glaube, dass Tobias ein wenig überrascht, was er an diesem Wochenende alles mit mir erleben durfte.😄
Bei der Einweisung hatte man uns erklärt, dass am Ufer Schilder mit Zahlen stehen.
Wir starteten bei 21 und mussten bei 40 ankommen – Kilometerangaben.
Und dann: Ziel erreicht!
Igor wurde geparkt, wir trugen ihn den Hang hoch, denn dort sammelte der Besitzer alle Kanus ein. Danach liefen wir zur Bushaltestelle – zeitlich perfekt.
🫶 Ziel erreicht, Burger und Abenteuer im Herzen
Am Bahnhof angekommen hatten wir sogar noch 30 Minuten Zeit. Und Hunger.
Also gab es zum Abschluss einen Menü-Burger bei Burger King. Klassisch. Würdig. Verdient.
Nach dem Snack verabschiedeten wir uns unten am Bahnsteig.
Ich stieg in die Bahn, setzte mich hin – und zack:
Die komplette Müdigkeit fiel über mich her.
Ich verschmolz mit dem Sitz. Meine Augen fielen sofort zu.
Ich war so hundemüde. So platt.
Positiv platt.
Diese Tage waren ein riesiger Ballon, gefüllt mit Erlebnissen, Höhen, Tiefen, Eindrücken, Emotionen und unzähligen kleinen Details, die erst noch verarbeitet werden wollten.
Viel Schlaf Inklusive.
Und trotzdem:
Ich war einfach glücklich.
Auch wenn ich seit drei Tagen nicht geduscht hatte und kein richtiges Bett gesehen hatte.
Es war ein unbeschreiblich toller Kurztrip.
Und ich will mehr davon.
Diese Reise wird mich noch lange beschäftigen.
Und ich bin dankbar, dass ich Tobias begegnet bin, ihn kennenlernen darf und er mir diese Welt zeigt.
Ich hoffe auf viele weitere gemeinsame Trips. 😄
Und ich bin mir ziemlich sicher:
Du wirst noch das ein oder andere von Tobias lesen. 😉
🎒 Meine Learnings
Vielleicht ist das mein größtes Learning: Man muss nicht alles können. Man muss einfach losgehen.
Ich bin mit mehr zurückgekommen als ich mitgenommen habe – nicht im Rucksack, sondern in mir. Und ich bin zurückgekommen als jemand, der weiß: Ich kann mehr als ich dachte. Genau das will ich immer wieder herausfinden.
Was mich durch diese Tage gebracht hat, ist das Gleiche, was mich durch Projekte bringt: Wenn Pläne wegbrechen, fange ich an zu denken. Kein Wanderschuh? Recherchiert, verglichen, bei eBay Kleinanzeigen gefunden – halb so teuer, gleiche Qualität. Falscher Zug? Ausgestiegen, umgedacht, alternative Route über Schiff und Bus organisiert. Kein Plan B für die Nacht? Tobias macht einen – und ich bin sofort dabei, ohne zu zögern oder zu bremsen. Ich werde nicht starr, wenn Dinge wegbrechen. Ich suche den nächsten Weg.
Ich kommuniziere –auch wenn es wackelig wird. An der Starken Stiege, fünf Meter über dem Boden, mit einem Rucksack der mich blockierte und Armen die aufgaben: Ich habe laut und klar gesagt, was ich brauche – zu Menschen, die ich keine zehn Minuten kannte. Und es hat funktioniert. Genau das braucht es auch in Teams – ehrliche, direkte Kommunikation, auch wenn die Situation unangenehm ist, auch wenn man sich noch nicht kennt. Wer schweigt und hofft, kommt nicht weiter. Wer klar benennt, was gebraucht wird, schon.
Ich bleibe offen und anpassungsfähig. Der Plan stand. Das Wetter nicht. Die Höhle war nicht geplant. Der Vollmond war nicht geplant. Und beides gehört zu den schönsten Momenten dieser Reise. Diese Fähigkeit – aus dem Moment heraus zu reagieren, Unvorhergesehenes nicht als Hindernis, sondern als Teil des Weges zu sehen – die nehme ich nicht nur aus der Natur mit. Die ist einfach, wie ich denke und arbeite.
Und ich bringe Energie mit – und die überträgt sich. Auf Menschen, auf Situationen, auf Teams. Wer neben mir wandert, weiß, dass es nicht langweilig wird. Wer mit mir arbeitet, auch.
DATEN FAKTEN:
Kilometer zu Fuß - Freitag: 26,9 km
Kilometer zu Fuß - Samstag 20,1 km
Kilometer zu Fuß - Sonntag 12,4 + 19 km Paddeln
Höhenmeter insgesamt an den Tagen: ca. 1600 Höhenmeter. Wir reden nur vom Hochlaufen. Ich weiß nicht, wie oft wir runter und hoch sind, das habe ich nicht mitgezählt. 😆
Außentemperatur: tagsüber ca. 20 Grad und nachts lagen sie bei ca. 12 Grad
Tobias Schlosser (@tschlosser13) • Instagram-Fotos und -Videos
